Portrait: Selma Lagerlöf

Aktualisiert: Feb 24


Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf wurde am 20. November 1858 auf Gut Mårbacka (heutiges Sunne) in Värmland, Schweden geboren. Sie wuchs als zweitjüngstes von sechs Geschwistern auf: Daniel, Selma, Johanna Maria, Johann, Anna und Gerda. Die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen. Bei dem Gut handelte es sich eher um eine bescheidene Holzhütte inmitten von Fichtenwäldern, als um ein Anwesen.



Heimatsagen auf Mårbacka



Selmas Kindheit verlief behütet, aber nicht ungetrübt. Im Alter von drei Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung. Zwar erholte sie sich im Laufe der Zeit, war jedoch trotz mehrfacher physiotherapeutischer Behandlung zeitlebens durch ein Hüftleiden eingeschränkt. Durch ihr Handicap wuchs sie als Außenseiterin auf, konnte sie doch nicht mit den anderen Kindern nach Herzenslust durch die Gegend toben. Sie verbrachte viel Zeit im Haus, in Gesellschaft ihrer Mutter und Großmutter. Vor allem Letztere brachte das Mädchen bereits in frühsten Jahren mit den zauberhaften Märchen, Legenden und Sagen ihrer Heimat in Berührung. Bücher ermöglichten ihr die Flucht in eine entlegene phantastische Welt, fernab von den finanziellen Nöten der damaligen Wirtschaftslage. Besonders hatten es Selma die Märchen der Gebrüder Grimm und Hans Christian Andersens angetan.



Selma und ihre Schwester wurden – anders als die Brüder, die eine höhere Schule besuchten – zu Hause von einer Gouvernante unterrichtet. Entgegen dem herrschenden Zeitgeist empfindet Selma dies als äußerst ungerecht. Im Jahr 1881 setzt sich die 23 Jahre junge Frau gegen den Willen ihrer Familie durch und geht an ein Mädchengymnasium in Stockholm. Sie möchte, ebenso wie Ihre Brüder, studieren dürfen. Ein Jahr später beginnt sie die Ausbildung zur Volksschullehrerin am Königlichen Höheren Lehrerinnenseminar. Zu dieser Zeit war der Beruf der Lehrerin einer der wenigen, deren Ausübung auch Frauen gestattet war.



Ausbildung und Erstlingswerk



Im Jahr 1885 erlangte Selma ihren Abschluss und trat eine Stelle als Lehrerin in einem Mädchenpensionat in Landskrona an, die sie bis 1895 behalten würde. Im selben Jahr verstarb ihr Vater; Gut Mårbacka war bereits seit über einem Jahr nicht mehr im Besitz der Familie. Dieser Verlust traf Lagerlöf schwer, hatte sich der Hof doch bereits seit mehreren Generationen in Familienhand befunden.



Ihre ganze Leidenschaft galt auch in dieser Zeit dem Schreiben. Irgendwann einmal würde sie davon leben können. Im Jahr 1890 las ihre gute Freundin Baronin Sophie Lejonhufvud Adlersparre einige von Lagerlöfs Sonetten. Sie war derart begeistert, dass sie Selma überzeugen konnte, ihre Arbeit der Revue des feministischen Frauenverbands Fredrika-Förbundet zur Veröffentlichung zu überlassen. Zudem bewarb sie sich mit fünf Kapiteln ihres in der Entstehung befindlichen ersten Romans „Gösta Berling“ bei einem Novellen-Wettbewerb und erreichte den mit 500 Kronen dotierten ersten Platz.



Gösta Berling erschien im Jahr 1891. Entgegen Lagerlöfs Erwartungen, waren die Kritiken sehr verhalten und die Zahl der verkauften Exemplare war ernüchternd. Als sich der dänische Literaturkritiker Georg Brandes 1893 überaus lobend äußerte, gewann der Titel zunehmend an Beliebtheit. Heute ist der Roman eines der meistgelesenen Bücher in Schweden.



Reisen und die große Liebe



1894 folgte mit „Unsichtbare Bande“ der Durchbruch: ab diesem Zeitpunkt reichte die Schriftstellerei aus, um von ihr leben zu können. In den Jahren 1895 und 1896 unternahm Selma eine ausgedehnte Europareise in Begleitung ihrer fünf Jahre älteren Schriftstellerkollegin Sophie Elkan, die nicht nur ihre Reisegefährtin, sondern auch Geliebte war. Neben Griechenland und der Türkei bereisten die zwei Frauen auch Deutschland und Belgien. Diese Reise inspirierte Selma unter anderem zu ihren Romanen „Die Wunder des Antichrist“ und „Jerusalem“.



Abgesehen von ihren Reiseunternehmungen und den Sommermonaten, leben die Frauen in Entfernung voneinander, sodass zu dieser Zeit eine Serie von Briefen entstand. In diesen bekunden beide wortreich ihre wechselseitige Liebe. Lagerlöf sendet ihrer Geliebten tausend Küsse und kokettiert mit der Überlegung, wo diese wohl einzulösen seien: in einem Salon voller Leute oder doch lieber im Gewächshaus in Nääs …



Auf einer gemeinsamen Reise 1899 vereinbarten sie, dass Elkan das Recht erhalten sollte, ihre Eindrücke über Ägypten in einem Roman verarbeiten zu dürfen. Im Umkehrzug stand Selma dies für Palästina zu, was ihr sehr am Herzen lag. Auf dieser Orientreise gewann sie die Inspiration für ihr späteres Werk „Jerusalem“. In der gleichnamigen Stadt begegnete sie Mitgliedern der „American Colony“, einer sektenähnlichen Gruppierung aus schwedischen Einwanderern. Die aus Dalarna stammenden Mitglieder waren einer christlich-fundamentalistischen Störung zuzurechnen. Sie glaubten an die Erfüllung biblischer Prophetie, z. B. an die Wiederkunft Jesu, sahen es zeitgleich jedoch als ihre Mission, Bedürftigen humanitäre Hilfe zukommen zu lassen. Lagerlöf beschreibt sie als ein merkwürdiges Völkchen, das dennoch anständig zu sein scheint. Von dieser Begegnung inspiriert, schreibt Selma Lagerlöf später „Jerusalem“.



Ménage à trois und Nils Holgersson



In den Jahren 1897 und 1898 erschienen „Die Wunder des Antichristen“ und „Eine Herrenhofsage“. In dieser Zeit arbeitete Selma auch an den Christuslegenden. Die beiden Bände von „Jerusalem“ folgten 1901 und 1902. In ihnen verarbeitete sie unter anderem den Verlust von Gut Mårbacka, der ihr sehr nahe gegangen war. Das Werk feierte einen großen Erfolg, während sich Elkans „Traum vom Morgenland“ zeitgleich kaum vor schlechten Kritiken retten konnte. Dies trübte das Verhältnis der beiden Frauen, sodass sie beschlossen künftig keine Romane mehr zur gleichen Zeit zu veröffentlichen.



Just zu dieser Zeit trat Valborg Oleander in Lagerlöfs Leben. Die drei Jahre ältere Lehrerin half Selma bei ihrer Korrespondenz und wurde schließlich zu ihrer Sekretärin. Sie war geradlinig, politisch aktiv und interessierte sich für Kunst. Für Lagerlöf war sie jedoch viel mehr als das. So nennt die ihre zweite große Liebe auch „ihren Fels in der Brandung“. Ab diesem Zeitpunkt setzt sich die pikante Dreierkonstellation bis zum Tode Elkas 1921 fort. Elkan wird als kapriziös beschrieben und scheint häufig unter eifersüchtigen Ressentiments gelitten zu haben.



1906 zog Lagerlöf zu ihrer Schwester Gerda nach Falun; einerseits, weil diese sie darum gebeten hatte, andererseits weil Falun das Zentrum der Bräuche und schwedischen Volkskultur war. Dort veröffentlichte sie „Nils Holgerssons wunderbare Reise mit den Wildgänsen“, ihr bis dato bekanntestes Werk. Es war der erste Roman, der unter Anwendung der neuen schwedischen Rechtschreibung veröffentlicht wurde. Es war ursprünglich ein Auftrag des schwedischen Volksschullehrerverbandes und sollte ein Lesebuch werden. Heute wird es als Mischung aus Erziehungsroman und Entwicklungsroman betrachtet. In ihrer einzigartigen Handschrift beschreibt Selma mit einer Prise Magie, die vielfältige und hyggelige Landschaft ihrer Heimat. Die geographischen, wirtschafts-epochalen und sozial-gesellschaftlichen Realitäten verpackt sie dabei geschickt in Sagen und Geschichten. Dieses Genre steht der damals üblichen Strömung des Realismus diametral entgegengesetzt. Doch Konventionen interessierten die begabte Eigenbrötlerin ohnehin zeitlebens wenig. In mehr als 30 Sprachen übersetzt, kennt heute jeder die Geschichte des 14-jährigen Jungen, der, von einem Wichtel verzaubert, auf seiner wunderbaren Reise mit den Wildgänsen ganz Schweden kennenlernt. Zwischen den Zeilen streift sie das Thema Tuberkulose, das ihre ältere Schwester Anna früh das Leben gekostet hatte.



Ehrenwürde, Nobelpreis und Feminismus



Im Jahr 1907 wurde ihr die Ehrenwürde der philosophischen Fakultät der Universität in Uppsala verliehen. Ein Jahr später kaufte Lagerlöf Gut Mårbacka zurück, um fortan im Wechsel dort und in Falun zu leben. 1910 erwarb sie auch das dazugehörige Land zurück; vergrößerte die Fläche sogar noch. Sie betrieb dort Landwirtschaft und eine Fabrik, die Hafermehl produzierte. Noch heute isst man in der Gegend einen Kuchen aus Skrädmjöl, geröstetem Hafermehl. In beide Unternehmungen investierte sie viel Zeit, Geld und Herzblut.



Im Jahr 1909 wurde Lagerlöf als erster Frau weltweit der Literatur-Nobelpreis verliehen. Er wurde ihr am 10.12.1909 von König Gustav V überreicht, in einer Zeit, zu der Frauen noch nicht einmal das Wahlrecht besaßen. Dem ging eine öffentliche Kontroverse voraus, weil Lagerlöf für ihren Hang zur Magie bekannt war und deshalb von Kritikern für ungeeignet befunden wurde. Abschätzig wurde sie von Einigen als Monumental-Gouvernante bezeichnet oder „en sagotant“, eine Märchentante, genannt. Einer ihrer größten Kritiker dürfte wohl Carl David af Wirsén gewesen sein. Er war ein schwedischer Dichter, Literaturkritiker und ständiges Mitglied der Schwedischen Akademie. Bekannt für seine konservativen Ansichten (z. B. seine Haltung gegen eine Reform der schwedischen Rechtschreibung), äußerte er sich auch geringschätzig über Henrik Ibsen, August Strindberg und viele andere. Durch seinen Einfluss dürfte er zwischen 1901 und 1909 verhindert haben, dass Lagerlöf für den Literaturnobelpreis nominiert wurde.



Im Jahr 1911 erschien ihr Roman „Liljecronas Heim“. Im Juni desselben Jahres hielt Selma ihre Rede „Heim und Staat“ vor dem Frauenstimmrechtskongress in Stockholm, um sich für das Wahlrecht von Frauen zu engagieren. Sie war eine Pazifistin mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn. Schon früh hatten sich ihr Selbstbewusstsein, ihre Zielstrebigkeit und ihr Liberalismus abgezeichnet. Gleichzeitig war sie durchdrungen von einem tiefen Verantwortungsgefühl ihren Mitmenschen gegenüber.



1912 erschien „Der Fuhrmann des Todes“ und 1914 „Der König von Portugallien“. Im selben Jahr wurde sie zum Mitglied der Schwedischen Akademie berufen. Dort war sie in einer Vielzahl von Ausschüssen und Gremien aktiv. Ihr kleines landwirtschaftliches Imperium florierte. Nach dem Tod von Elkan erfolgte von 1921 bis 1923 ein großer Umbau Mårbackas zu einem imposanten Herrenhaus. Ab diesem Zeitpunkt war es der alleinige Wohnsitz Selmas. Allerdings stelle sie ihrer Freundin Valborg ein Zimmer zur Verfügung; ebenso wie Valborg für sie zwei Zimmer in Stockholm bereithielt. Danach folgten nur noch die Veröffentlichung ihrer dreibändigen Autobiographie („Mårbacka“, „Aus meinen Kindertagen“ und „Tagebuch der Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf“) und die „Trilogie der Löwenskölds“.



Die Rettung Nelly Sachs'



Im Jahr 1921 erhielt sie per Post das Erstlingswerk „Legenden und Erzählungen“ von Nelly Sachs, einer deutsch-jüdischen Schriftstellerin. Diese war seit ihrem 15. Lebensjahr eine Bewunderin Lagerlöfs, nachdem sie „Gösta Berling“ geschenkt bekommen hatte. Deren Prosa inspirierte sie merklich hinsichtlich ihrer späteren Werke. Verbunden durch das Schriftstellertum, hatte sich eine langjährige Brieffreundschaft mit Fokus auf die Literatur zwischen ihnen entwickelt.



Nach der Reichspogromnacht 1938 bat sie ihre schwedische Kollegin brieflich um Unterstützung in Form von Papieren, für eine Flucht ins Ausland. Zitat: „Für die allergeringste Lebensmöglichkeit würde ich danken mit jeder Faser meines Daseins.“ Zunächst antwortet Lagerlöf nicht. Nach der persönlichen Vorsprache der gemeinsamen Freundin Gudrun Dähnert im Juni 1939, erreicht diese mit einem Empfehlungsschreiben von Lagerlöf, dass Prinz Eugen Bernadotte sich in der Angelegenheit Sachs an die Botschaft wendet. Am 16. März 1940 stirbt Selma Lagerlöf 81-jährig an den Folgen eines Schlaganfalls auf Gut Mårbacka. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich in Östra Ämtervik. Knapp zwei Monate später gelingt Nelly Sachs und ihrer Mutter im Mai 1940 die Flucht nach Stockholm.



Lagerlöf war zeitlebens politisch und sozial engagiert. Äußerlich selbstbewusst, war sie im Inneren sensibel und getrieben von Ambivalenzen. Ihre Zerrissenheit zeigt sich in ihrem Zwiespalt zwischen Pflicht und Berufung und ihrer Liebe zu Sophie und Valborg; ebenso wie in ihren zwei Wohnsitzen in Falun und auf Mårbacka. Scharfzüngig, politisch wach und aufgeklärt, scheute sie keine Konfrontation, wenn es darum ging, für hehre Ziele wie den Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen. Dennoch legte sie stets Wert auf Worttreue und Umgangsformen und bewahrte sich einen weichen Kern. Eine faszinierende Persönlichkeit der Literaturgeschichte, die als zeitloses ethisches und moralisches Vorbild taugt.



Zitate von Selma Lagerlöf



„Meine wirkliche Geschichte ist eine einzige Variation des Wortes Wille.“ Aus einem Brief an Sophie Elkan.



„Es ist so, als hätte ich meine Begabung selber geschaffen, indem ich sie mir herbeiwünschte.“



„Ich wäre niemals Schriftstellerin geworden, wenn ich nicht in Mårbacka, mit seinen uralten Bräuchen, seinem Reichtum an Sprüchen und Legenden und seinen sanften, freundlichen Menschen aufgewachsen wäre.“




Interessante Fakten über Selma Lagerlöf



Selma Lagerlöf nahm 1907 einen Jungen zu sich in Pflege, dessen Namen zufällig Nils Holgerson war. Aufgrund der Namensähnlichkeit war man mit der Bitte an sie herangetreten, dem Jungen eine intellektuelle Erziehung angedeihen zu lassen. Dies misslang jedoch. So wanderte der echte Nils Holgerson als Erwachsener in die USA aus, wo er sich als Bauarbeiter verdingte.



Die Rückseite des schwedischen Zwanzig-Kronen-Scheins zeigt Nils Holgerson und die Wildgänse.



Die Geschichte Nils Holgersons wurde von einem japanischen Comicstudio als Zeichentrickserie in Szene gesetzt. Sie gilt als originalgetreu, bis auf den Hamster, den es im Buch nicht gibt.


Die Geschichte Nils Holgersons wurde von einem japanischen Comicstudio als Zeichentrickserie in Szene gesetzt. Sie gilt als originalgetreu, bis auf den Hamster, den es im Buch nicht gibt.

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